Der halbierte Journalismus

von Benjamin

Ich würde behaupten, dass wir es heute weitgehend mit einem halbierten Journalismus zu tun haben. Berichten ohne gleich zu bewerten ist eigentlich eine gute Erfindung. Nur stockt heute insgesamt die Versorgung mit guten Argumenten, oder besser: Argumentationen. Selbst was als wertende und nicht nur neutral berichtende Genres praktiziert wird (der Kommentar, die Kritik oder subjektive, reportagehafte Darstellungsformen), ist meist bestenfalls Verkündung von fertigen Meinungen, nicht Begründung, oder oft ohnehin nur eine Ansammlung von Geschmacksurteilen und Befindlichkeiten. Es gibt sie, die argumentierenden Kommentare, aber mehr als eine Andeutung von Argumentation ist selten, und selten wird dem Argumentieren der Raum geboten, welcher für das Berichten vorgesehen ist.

Im Alltagsgeschäft mag man das noch aushalten. Böse wird das meiner Beobachtung nach insbesondere, wenn es nun an die moralische Selbstreflexion im Journalismus geht. Wenn man sich im Journalismus mal alle Schaltjahre genötigt, aber auch selbstbewusst genug fühlt, sich moralisch zu rechtfertigen, dann sollten das Höhepunkte der ethischen Reflexion sein (z.B. wenn es geballte moralische Medienkritik gab, wie an Veröffentlichung bestimmter Sachverhalte, Namen, der Einseitigkeit der Berichterstattung, an den Methoden der Informationsbeschaffung usw.). Stattdessen oberflächliche Rationalisierungen mittels unverbundener Gemeinplätze und Scheinargumente. Hier kommen also dann mehrere Probleme zusammen: Dass das Publikum nicht mit Argumenten versorgt wird; dass der Journalismus sein Handeln nicht auf hohem ethischem Niveau reflektiert; und dass schlechte Rechtfertigungen ihn letztlich als Institution eher noch delegitimieren.

Die argumentative Qualität des Journalismus lässt hier wie insgesamt zu wünschen übrig, weil Argumentation durch die Inszenierungen von Objektivität und Ausgewogenheit sowie durch Meinungsverkündung ersetzt wird (einfache verschiedene Seiten zu Wort kommen lassen, die unreflektiert-konventionell als „beide Seiten“ definiert sind, oder einfach eine nicht näher begründete Meinung ablassen) bzw. weil Argumentation gar nicht als Funktion des Journalismus in den Blick kommt.

Nach einer gängigen Auffassung ist das aber gar kein Problem: Die Medien informieren, dann endet ihre Aufgabe, und die Leute bilden sich dann ihre Meinung selbst. Dann stellt man sich Meinungsbildung letztlich so vor, dass Menschen auf mechanische oder irgendwie geheimnisvolle Weise auf hingeworfene Informationsbrocken reagieren, ohne dass die Herstellung von Meinungen weiter extern gespeist werden müsse oder beeinflusst werden dürfe. Meinungsbildung sollte aber nicht so funktionieren, dass bei jeder Neuigkeiten immer nur die Wertungsmechanismen automatisch einschnappen oder man mit sich selbst vor sich hinbrütet, was für oder gegen eine Haltung spricht – zumindest nicht, wenn es um Meinungen zu Fragen geht, die auch andere betreffen. Vielmehr geschieht Verständigung dann sinnvollerweise über den Austausch von Gründen. Sonst bestünde Demokratie auch darin, dass die Mehrheit die Folgerungen aus ihren zufälligen Privatmeinungen dem Rest aufzwingt.

Die Konsequenz aus dieser Kritik des Journalismus ist aber nicht, dass man zurück zu einer Parteipresse will, die alles durch den Filter einer ideologischen Richtung sieht. Möglichst unparteiische, rein beschreibende Berichte sind notwendig – Wertungsfreiheit selbst funktioniert sogar regelrecht als Provokation und Befreiung (etwa die nüchterne Beschreibung bestimmter Personen und Sachverhalte, bei denen man sich immer sofort genötigt sieht, auf irgendwie auch bevormundende Weise dazuzusagen, wie abscheulich, niveaulos, unästhetisch usw. man sie findet und sich nicht dem Verdacht aussetzen will, sie irgendwie gutzuheißen – die sachliche Analyse birgt hier manchmal ungeahnte Reflexionspotenziale, wenn man nicht alles nur unter dem Schema von gut oder schlecht betrachtet, sondern unter anderen Gesichtspunkten: Sinn und Bedeutung, Ursachen und Folgen, usw.). Es muss aber reflektiert werden, was „Neutralität“ im Einzelfall bedeutet und welche Wertungen ihr wiederum schon zugrunde liegen (was ist wichtig, wessen Meinung geht in die „ausgewogene“ Darstellung „beider“ oder „aller Seiten“ ein, usw.?). Daneben bräuchte es aber gute „Argumentationsstücke“: Sammlungen und Diskussionen von Argumenten verschiedener Seiten oder Stellungnahmen mit durchgehenden und gründlichen Argumentationen, wo eine Überlegung an die andere anschließt und man beeindruckt zurückbleibt: Wie weit man doch über verschiedene, überraschende Schritte, über Einwände und Gegengründe, gekommen ist; wie weit man sich von einer vorgefassten Meinung, einem Gemeinplatz entfernt hat, wie gründlich man eine neue Position durchdacht, wie entschlossen man zu dieser hingeführt wurde! Wenn man die Funktion der Presse einmal pauschal mit „Information“ angibt, so gehört dazu auch die „Information“ über gute Argumente und Argumentationen.

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